Was hat das Internet uns je gebracht? Noten!
Johnny Haeusler hat auf der re:publica 11 einen launigen Beitrag abgeliefert “was hat das Internet je für uns getan?”, angelehnt an die großartige Monty Python Szene. Das Publikum sollte Vorschläge in dem Raum werfen, und von Katzen bis prOn war alles dabei. Aber eben nur fast – es fehlten: Noten. Das Internet hat uns Noten gebracht. Dazu aber als Vorlauf ein kleines Döneken, vorgestern von einem Freund aufgeschnappt – heute stolzer Besitzer eines Tonstudios:
“Ich komme ja vom Dorf. Und in der Zeit, aus der ich komme, da gab es noch kein Internet. Und als kleine Cover-Band war es schwierig bis unmöglich, an die Texte zu coolen Liedern zu kommen. Einige standen auf den LPs, aber bei den anderen war es schwierig. Nun gab es da aber einen im Dorf, der sich regelmäßig hinsetzte, die Texte raushörte und abschrieb. Diese Blätter wurden dann fotokopiert und alle Bands im Umkreis von 100km nutzten die. Das Problem: er konnte eigentlich kaum bis gar kein Englisch. Was dazu führte, dass alle Bands denselben, falschen Quatsch sangen. Ich versuchte dann später in meiner Band dem Sänger die richtigen Texte beizubringen – hoffnunglos, er hatte die falschen schon viel zu tief verinnerlicht. So war das, damals.”
Songtexte im Internet zu finden ist nun nicht mehr schwierig, die entsprechenden Portale sind weithin bekannt.
Ebenfalls bekannt ist, das man auf diversen Portalen einfache Gitarrennoten findet die die zu spielenden Akkorde in einfachen Griff-Tabulaturen anzeigen, etwa so:
Wenn man etwas tiefer gräbt, findet man auch recht akribische Abschriften einzelner Passagen oder ganzer Gitarrenparts, ebenfalls als einfachen Text formatiert – hier etwa ein Ausschnitt des Solos vom obigen Stück:
Solo: ( 2nd Guitar ) e----------------------------------------------------------| B----------3---5--------3----------------------------------| G-----2/4-----------4--------4----2---0--------------------| D------------------------------------------0---------0---0-| A-----------------------------------------------1/2--------| E----------------------------------------------------------| e----3/5/3-------------------------------------------------| B----3/5/3----3/5/3----3----3/5/3--------------------------| G-------------2/4/2----0----2/4/2---2p0----2/4-------------| D------------------------------------------3/5-------------| A----------------------------------------------------------| E----------------------------------------------------------| e---------------------------------------------------------------------| B----------3--------5----5b---5----3--------------3-----5-------------| G----2/4-------4----------------------2----4b----------------4b-----2-| D---------------------------------------------------------------------| A---------------------------------------------------------------------| E---------------------------------------------------------------------| e---------------------------------------------------------------------| B---------3---------5-----5b-----5------3-----------------------------| G----2/4------4-----------------------------2----4b-------------------| D---------------------------------------------------------------------| A---------------------------------------------------------------------| E---------------------------------------------------------------------|
Damit kann man auf einer Gitarre schon sehr konkret was anfangen. So weit, so bekannt. Nun gibt es jedoch eine Seite (sogar mehrere, aber einen Platzhirschen), die dieses Konzept um einige entscheidende Details erweitern:
- > Einbindung eine Community zur dezentralen Erstellung solcher Tabulaturen. Man kann sich das vorstellen wie eine Wikipedia nur für Musik: tausende Nutzer transkribieren dort Stücke und stellen sie in einem einheitlichen Format ein. Anders als bei der Wikipedia gibt es aber nicht die “eine” offizielle Fassung, sondern pro Song teilweise dutzende, sich oft nur in Details unterscheidende Varianten, über die man wiederum abstimmen kann so dass man schnell “die beste” Fassung findet.
- > Erweiterung der Tabulaturen auf ALLE Instrumente des jeweiligen Stücks (!), also mehrere Gitarrenlinien, Bass, Drums, Keyboard, Gesang, Chorsatz für den Background etc. Zu nahezu jedem bekannteren Stück finden sich dort also die kompletten Informationen für die ganze Band.
- > Nutzung von zwei sehr erweiterten Notensatz-Formaten, und zwar Guitar Pro oder Power Tab
- > Angebot eines Downloads, um diese erweiterten Notensätze in ein Desktop Programm, iPhone, iPad oder Android Gerät zu laden und dort in perfekter Notation abzuspielen (!)
Man legt sich also bei http://www.ultimate-guitar.com/ einen kostenlosen Account an und fängt an zu suchen. Zu “wish you were here” gibt es schon eine Umfangreiche Trefferliste mit 109 Einträgen, 20 davon das Original von Pink Floyd betreffend.
Nun lädt man eine der Guitar Pro Dateien in eine Software der Wahl, etwa das “Original” Guitar Pro 6:
Und hier fängt die Sache nun an, ernsthaft spannend zu werden, um nicht zu sagen: begeisternd. Wier sehen ein sauber formatiertes Notenblatt, dass sowohl einen klassischen Notensatz als auch die nützliche Tabulatur anzeigt. Die Notation ist erheblich detaillierter, bei Bendings wird etwa angezeigt, um wie viele Halbtöne man ziehen soll. Unten sieht man das komplette, transkribierte Arrangement des Songs, in diesem Fall drei Gitarren, Keyboard, Bass, Gesang und Drums. Man kann nun einfach den Notensatz umstellen auf eines der anderen Instrumente um zu sehen, wie die Stellen gemeinsam gespielt werden. Gefällt einem die Notation nicht, passt man sie einfach an die eigene Spielweise an – dafür gibt es links diverse Werkzeuge. PDF-Druck ist selbstverständlich. Mit der Mediensteuerung in der Mitte wiederum startet man: ein Midi-Modul, dass den Song mit teilweise extrem guten Software-Instrumenten abspielt, so dass man gleich hören kann wie die Passagen klingen sollen. Andere Programme ermöglichen es, ein verlinktes MP3 File so mit der Notation zu synchronisieren, dass man der Originalsong hört während man korrekt die Noten verfolgen kann. Ein auf Adobe Air basierende Alternative (Mac, Windows, Linux) ist nicht ganz so umfangreich, aber in den Kernfunktionen ähnlich hübsch: Go PlayAlong
Und das alles zum unterwegs mitnehmen, hier etwa in der iPad Variante:
Und ja, der Wahnsinn nimmt kein Ende: in dieser App (Guitar Pro, TabToolkit ist auch prima) bekommt man unten auch noch eine Gitarre oder Klaviatur eingeblendet, die die richtigen Griffpositionen anzeigt. In diesem Fall sogar mit der Hilfe, wo die nächsten Töne sitzen, damit man eine ökonomische Gripposition wählen kann. Es ist nun gar kein Problem, direkt aus den Apps heraus die ultimate-guitar Datenbank zu durchstöbern. 60 Jahre moderner Musikgeschichte, detailliert jederzeit verfügbar.
Das scheint mir alles sehr, sehr weit entfernt zu sein von einem kleinen Dorf im niedersächsischen, in dem A4 Blätter fotokopiert wurden. Und das hat alles das Internet für uns getan, und da sag ich doch einfach mal: DANKE.



