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Man will dabei gewesen sein. Der Kontrollverlust nach Seemann: drei Gründe, warum man sein Buchprojekt unterstützen sollte

Jan. 30th | Von 11 Kommentare

1) Der Sweet Spot für Theoriebildung

In meinem früheren Leben als Medien- und Kommunikationswissenschaftler habe ich mich regelmäßig gefragt, warum mich manche Theorien mehr ansprechen als andere, und was genau die Erfolgsfaktoren für eine wissenschaftliche Theorie innerhalb ihrer Fachdisziplin sind. Warum – zumindest gefühlt – die letzte relevante Theorie der Kommunikationswissenschaft 30 Jahre alt ist. Warum es gerade Vertretern meiner Generation (frühe 70er) scheinbar so schwer fällt, neue Theorieansätze zu bilden die eine Breitenwirkung entfalten und über die reine Ausdifferenzierung des ewig Bekannten hinausgehen.

Ein nahe liegender Ansatz: der Komplexitätsgrad einer Theorie hat direkt Einfluss auf ihre Verbreitung. Ein grobes Raster ist schnell gefunden:

Unterkomplex

Durch das Spielen von Egoshootern wird man zum Amokläufer. Das Internet macht uns alle dumm. Früher war alles besser. Hier gilt: Theorien, die sich in einen Merksatz oder in die Überschrift eines Boulevard-Artikels pressen lassen, ist zu misstrauen. Sie transportieren Meinungen, Stereotype und Vorurteile, jedoch in den seltensten Fällen wissenschaftlich verwertbare, geschweige denn gesicherte Erkenntnis.

Überkomplex

Die Systemtheorie nach Luhmann. Die Theorie des kommunikativen Handelns nach Habermas. Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Diese Theorien haben gemeinsam, dass ein profundes Studium ihrer Aussagen und Rahmenbedingungen notwendig ist um die wirkliche Relevanz auch nur zu erahnen. Sie sind selten aus der Luft gegriffen, aber alles andere als zugänglich. Das schmälert nicht ihre Relevanz.

Mittelkomplex

Die Theorie zur Vermeidung kongnitiver Dissonanz nach Festinger. Die Schweigespirale von Noelle-Neumann. Der Last Minute Swing nach Lazarsfeld. Diese Theorien besetzen einen sweet spot: man kann sie schlüssig in wenigen Absätzen skizzieren, oder auch mal auf einer Party zum besten geben. Sie haben immer einen plausiblen Grundkern, der anschlussfähig ist an eigene Erfahrungen (nach einem Kauf sucht man aktiv nach Kundenrezensionen, die die eigene Kaufentscheidung unterstützen und ignoriert eher kritische Kommentare -> Vermeidung kognitiver Dissonanz) und setzen darauf überraschende Facetten und Details. Mit diesen Theorien beschäftigt man sich gerne, sie erklären nicht alle Phänomene dieser Welt – geben aber im Zweifel Legionen anderer Wissenschaftler Impulse in neue Richtungen. Der unumstrittene Großmeister dieser Disziplin ist Paul Lazarsfeld: allein in „The People’s Choice“ formuliert er auf 200 Seiten auf Grundlage einer einzigen Studie gefühlt 80% aller relevanter Theorien der modernen Medien(Wirkungsforschung).

Ich glaube, dass die Kern-Theorie des Kontrollverlustes mit ihren 3 Axiomen in ebendiese Kategorie der mittelkomplexen Theorien fällt. Dort hat es sehr, sehr lange Zeit nichts Griffiges mehr gegeben, schon gar nicht in Bezug auf Daten- oder Informationswissenschaftliche Theorien.

2) Daten sind Naturgesetzen unterworfen

In einem bold move, wie man ihn nicht alle Tage sieht, postuliert Seemann einigermaßen nassforsch: es existieren Naturgesetze für Daten und es ist an der Zeit sie zu beschreiben – Äpfel sind schon genug gefallen. Ebenso wenig, wie man die Gravitation ignorieren kann, kann man die drei Naturgesetze von Daten ignorieren. Man kann sich dagegen stemmen, aber ebenso wie gegen Gravitation ist dies ein teurer und letztlich aussichtsloser Kampf. Dass die drei einzelnen Axiome im Zusammenspiel auch noch eine Quasi-naturwissenschaftliche Formel bilden – vergleichbar mit Energie, die sich proportional zur Masse und dem Quadrat der Geschwindigkeit zusammensetzt – verstärkt noch diesen Eindruck. Der Ansatz im Stil von Naturgesetzen zu argumentieren bringt einen weiteren Vorteil: die Thesen werden einer voreiligen, normativen Vereinnahmung entzogen. Gravitation an sich ist weder gut noch schlecht – und kann gleichermaßen für ballistische Geschosse im Krieg genutzt werden wie als grüner Energieträger in Wasserkraftwerken. Ob der Kontrollverlust als Instrument der Kontrolle oder Befreiung begriffen wird ist ebenso offen. Im Ergebnis mögen die drei Treiber des Kontrollverlustes unterkomplex, falsch oder überbewertet sein – die Theoriekonstruktion allein entfaltet eine Eleganz, deren Charme und Anschlussfähigkeit man sich nur schwer entziehen kann und die man so lange nicht gesehen hat.

3) Man will dabei gewesen sein

Die Grundgesetze der Daten werden mit breiter Brust formuliert, aber es gibt wenig Anlass daran zu zweifeln, dass sie im Kern plausibel sind. Im Gegenteil: sowohl anekdotische Evidenz, als auch harte Empirie bestätigen Tag um Tag und immer offenkundiger, dass sich die Theorie des Kontrollverlustes als ausgesprochen langlebig erweisen könnte. Die nötige Beachtung innerhalb der Kommunikationswissenschaft fehlt jedoch. Das soll ein Buchprojekt ändern, an dessen Crowdfunding man sich noch für wenige Stunden beteiligen kann.

Ich werde es mir nie verzeihen, dass ich im November 2004 zu verzagt war, die Firefox-Anzeige in der FAZ finanziell zu unterstützen. Dass diese eine Seite heute nicht mit meinem Namen versehen ist, betrachte ich als Moment großen persönlichen Scheiterns. Wie uncool Firefox heutzutage auch  sein mag – damals war es wirklich wichtig. Und durch nebensächliche Debatten (warum gerade in der FAZ?) und Bequemlichkeit (es gab kein PayPal damals, wir hatten ja nichts) habe ich es schlicht verschleppt.

Das soll mir nicht noch einmal passieren. Ich denke die Chancen stehen gut, dass Herr Seemann ein ausgesprochen relevantes Grundlagenwerk dazu abliefern wird, was uns alle in den nächsten Jahrzehnten erwartet. Wir sollten sehr an der Zukunft interessiert sein, ist sie doch der Ort wo wir den Rest unseres Lebens verbringen werden. Man will dabei gewesen sein, wenn diese Zukunft neu gedacht wird.


Currywurst – 5 Goldene Regeln

Apr. 20th | Von 2 Kommentare

Man hat es in Berlin nicht ganz einfach, wenn man aus dem Ruhrpott kommt. Die Stadt reklamiert für sich – wie dutzend andere Städte auch – Erfinderin der Currywurst zu sein, es werden jedoch schamlos liebloseste Ketchup-Gerichte serviert, für die man im Pott bitter abgestraft würde.
Hier ein einfacher 5-Punkte-Plan, woran man eine gute Currywurst erkennt und worauf es bei der Produktion ankommt:

1) Die Sauce entscheidet
Eine gute Currywurst wird zu 70% durch die Sauce definiert und nur zu 30% durch die Wurst. Eine bescheidene Wurst kann jederzeit durch eine herausragende Sauce gerettet werden, aber niemals umgekehrt.

2) Die Sauce gehört selbst gekocht
In die Hölle kommt, wer Fertigsaucen oder ordinäres Ketchup verwendet. Haben die den keinerlei Ehrgefühl? Noch nicht einmal als Grundlage für eine selbst gekochte Sauce ist Ketchup sinnvoll verwendbar, Ausgangspunkt ist immer Tomatenmark oder ein (selbst angesetzter) Fond.

3) Heiß muss sie sein
In den tiefsten Kreis der Hölle kommt, wer das Ketchup (2) auch noch kalt über die Wurst gießt. Die Hitze der Wurst reicht niemals aus, um die Sauce auf die aromatisch notwendige Temperatur zu erwärmen. Die Sauce hat somit ständig erwärmt zu sein, optimal sind ca. 70°.

4) Sämig soll sie sein
Eine gute Sauce ist sämig in der Konsistenz. Und zwar durch die Unmengen an Gewürzen, mit denen sie gekocht wurde – nicht nur Curry. Als Richtlinie kann man rechnen: 1/3 Gewürz, 2/3 sonstige Grundlagen. Das übegestreute Curry am Ende ist teil des Rituals und gern genommene Zier, der Geschmack kommt jedoch aus den Gewürzen des Kochprozesses.

5) Scharf soll sie sein
Currywurst hat scharf zu sein, wirklich scharf. Wer es nicht scharf mag oder verträgt, muss sich nach anderen Gerichten umsehen. Nicht zielführend ist die Strategie, eine lasche Grundsauce nur auf Wunsch mit PiriPiri, Tabasco oder ähnlichem aufzuschärfen – die Schärfe wirkt immer aufgesetzt, da sie nicht während des Kochvorganges (2) entstanden ist. Will man unterschiedliche Schärfegrade kredenzen – was legitim ist – müssen verschiedene Saucen gekocht werden.

Insbesondere (2) und (4) sind: aufwändig und teuer. Darum ist eine gute Currywurst auch nie wirklich günstig zu haben. Aber es lohnt sich.

Ich freue mich ernsthaft über jeden Hinweis, wo man in Berlin an gute Currywurst(saucen) kommt – bisher konnte nur die Fleischereihttp://www.gate116.de/Fleischerei_-_Die_Currywurst_am_Rosenthaler_Platz/start.html überzeugen. Warum? Weil dort die Bochumer Dönninghaus verkauft wird, der unbestrittene Gold-Standard der Currywurstsaucen (http://www.dieechte.de/dieechte.html).


Archivierungsbeitrag: Memes, Shistorms und das digitale Vergessen.

Aug. 26th | Von 1 Kommentar

Das folgende Konzept hatten @wortkomplex und @rstockm für die Republica 12 eingereicht und warteten freudig darauf, eine sehr launige Session abzuhalten – 2012 würde man sagen: Mit viel Flausch und viel Glitter. Auch wenn es nicht angenommen wurde, sind wir immer noch überzeugt von der Notwenigkeit einer kollaborativen Geschichtsschreibung des Internets und werden das weiter im Auge behalten. Damit es jedoch für die Nachwelt dokumentiert wird (Vorsicht: Rekursion) hier unser Beschreibungstext zur Session. Dieser sollte als Anregung zur Debatte und erste Idee verstanden werden, nicht als abschließendes Konzept. Wir freuen uns über weitere Anregungen und sich vielleicht entwickelnde Initiativen. Wenn Zeit bleibt, stellen wir auch noch das vorläufig entwickelte Datenmodell vor. 

Memeparade: Warum das deutschsprachige Internet seine eigene Geschichtsschreibung verdient und was wir alle dafür tun müssen.

Woher kam noch mal die Formulierung „und alle so: yeah“? Die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch entsinnen. Aber wie hieß eigentlich das zugehörige Hashtag? Und wer hat es auf Twitter zum ersten Mal verwendet? Wonach schmeckte Pril im Frühling letzten Jahres und was hatten – ästhetisch betrachtet – Zensursula und Stasi 2.0 gemeinsam? Was war dieses Ding, dieser.. äh… Blumenkübel? Mit Google bekommt man diese Frage noch einigermaßen beantwortet – wenn man weiß, wonach man suchen muss. Viel schwieriger wird es schon nach nur ein paar Jahren mehr: Was war das 2006 – lange vor der Lobofone-Geschichte – noch Mal mit „Frische Texte für frische Autos“? Was hatten Ix, Dahlmann und MCWinkel damit eigentlich zu schaffen? Und wer kommentierte damals schon, ohne zu wissen wie nachhaltig er sich tatsächlich damit beschäftigen würde: „[…] das Internet vergisst nie, aber das Internet vergisst auch am schnellsten. Erinnerung und Internet. Das ist eine unglaublich interessante Fragestellung. Vielleicht schreibe ich mal was dazu.“

Und wie erkläre ich das alles überhaupt meinen Eltern?

Unsere Erinnerungen und Wissen um Meme, Shitstorms, Kampagnen, Trollattacken, epicfails, Kontrollverluste und ftws sind flüchtig und fragmentiert – über dutzende Blogs, urban dictionaries, Podcasts und zuweilen auch Wikipedia-Artikel verteilt.

Was wir brauchen, ist eine eigene Geschichtsschreibung: was unser Netz wann bewegt hat, wer die Akteure waren, welche Diskurse sich wo zwischen wem entsponnen haben. Nicht nur die Digital-Archivare werden es uns dereinst danken, sondern selbstverständlich auch unsere Kindeskinder. Sollten sich auch Journalisten oder gar Politiker in das Archiv verirren: warum nicht.

Doch seien wir realistisch: Die Exkludisten werden es nie zulassen, den unendlichen Strom an aus heutiger Perspektive zweifelhaft relevantem Wissen in die Wikipedia zu schreiben. Und auch der Spaß würde dabei zu kurz kommen. Wir stellen daher ein unabhängiges und dezentrales Wiki-Konzept vor, durch das sich in Kombination von Definitionen, Glossar, Zeitleiste und Referenz-/Quellenarchiv eine zentrale Anlaufstelle des Netzgeistes kristallisiert – und wir alle schreiben mit.

Nachsatz: Idee der Session war es, den Besucherinnen und Besuchern nicht nur einen kleinen Meme- und Shitstorm-Streifzug zu geben sondern auch die Möglichkeit, die Geschichtsschreibung des deutschsprachigen Internets in Anlehnung an internationale Dienste wie Know your Meme mitzugestalten. Das vorgestellte Konzept sollte offen diskutiert werden, ebenso die technische Infrastruktur (reicht etwa ein banales Pad, muss es ein Wiki sein, was für Alternativen könnten sich eignen?), das Redaktionsmodell und Absicherungen gegenüber (Eigen-)PR und Vandalismus. Im Nachgang des Workshops sollte sich idealerweise eine erste „Redaktion“ zusammenfinden.

Eine Mindmap der Strategie/Entitäten

 


Mass Effect 3 – die Kontroverse

Mrz. 28th | Von 6 Kommentare

Es geht rund, die Geschichte der Computerspiele wird neu geschrieben – hier und jetzt. Der Kontrollverlust hat die Spieleszene erreicht, der Ausgang ist ungewiss. Tagesaktuell dazu Beobachtungen von mir, frisch auf Storify zusammengetragen:

(mehr …)


Der Weihnachtsmann ist tot – RIP Steve Jobs

Okt. 6th | Von 4 Kommentare

In diesen Minuten, Stunden und Tagen wird jede Menge Sinnvolles über Steve Jobs geschrieben – Würdigung seiner Innovationskraft, seines inneren Kompasses, die Stanford-Rede. Es gibt aber noch eine naive, und sehr egoistische Lesart des heutigen Tages: der Weihnachtsmann ist gestorben.

Die universelle Kraft von Weihnachten liegt im Wunder. In der Kindheit ist dies weniger ein mystisches Wunder denn ein materielles – von irgendwo her kommen Geschenke, die man sich dringend gewünscht hat, andere die einen überraschen und deren Nutzen man sich erst erarbeiten muss, und auch einige über die man sich ärgert oder die man unnütz findet. Spätestens in der Pubertät löst sich dieses Wunder nachhaltig – und mindestens bis zur ersten Liebe unwiderruflich – in schieren Materialismus auf.

In diese Lücke traten die Keynotes von Apple für mich und viele meiner Generation (*1970+). Man wartet auf einen großen Tag, konnte spekulieren, was es geben würde. Man hat sich gemeinsam versammelt – nicht mehr vor dem Weihnachtsbaum, sondern hinter einer Riege von MacBooks auf denen man Live-Blogs oder, bestenfalls, dem Live-Stream folgen konnte. Paket für Paket wurde von Steve ausgepackt, im Falle des ersten MacBook Air ganz materiell und physisch. Gerade das Warten – auf die Keynote, auf die Produkte selbst, die oft nicht direkt erhältlich waren – führte in unserer „alles direkt und sofort verfügbar“ Gesellschaft eine sehr analoge, anachronistische Note der Ungeduld und Sehnsucht ein.

Heute ist ein Stück Lebensqualität gestorben – Keynotes mit Steve haben das Leben vieler Menschen stärker strukturiert als die ehemals so wichtigen christlichen Feiertage. Man kann dies anprangern, es ändert nichts an der Tatsache an sich. Natürlich kann man hoffen, dass seine Nachfolger den Spirit noch lange am Leben erhalten werden, aber machen wir uns nichts vor:

Heute ist, zum zweiten mal in unserem Leben, der Weihnachtsmann von uns gegangen.

 


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Was hat das Internet uns je gebracht? Noten!

Mai. 14th | Von 1 Kommentar

Johnny Haeusler hat auf der re:publica 11 einen launigen Beitrag abgeliefert „was hat das Internet je für uns getan?“, angelehnt an die großartige Monty Python Szene. Das Publikum sollte Vorschläge in dem Raum werfen, und von Katzen bis prOn war alles dabei. Aber eben nur fast – es fehlten: Noten. Das Internet hat uns Noten gebracht. Dazu aber als Vorlauf ein kleines Döneken, vorgestern von einem Freund aufgeschnappt – heute stolzer Besitzer eines Tonstudios:

„Ich komme ja vom Dorf. Und in der Zeit, aus der ich komme, da gab es noch kein Internet. Und als kleine Cover-Band war es schwierig bis unmöglich, an die Texte zu coolen Liedern zu kommen. Einige standen auf den LPs, aber bei den anderen war es schwierig. Nun gab es da aber einen im Dorf, der sich regelmäßig hinsetzte, die Texte raushörte und abschrieb. Diese Blätter wurden dann fotokopiert und alle Bands im Umkreis von 100km nutzten die. Das Problem: er konnte eigentlich kaum bis gar kein Englisch. Was dazu führte, dass alle Bands denselben, falschen Quatsch sangen. Ich versuchte dann später in meiner Band dem Sänger die richtigen Texte beizubringen – hoffnunglos, er hatte die falschen schon viel zu tief verinnerlicht. So war das, damals.“


Songtexte im Internet zu finden ist nun nicht mehr schwierig, die entsprechenden Portale sind weithin bekannt.

Ebenfalls bekannt ist, das man auf diversen Portalen einfache Gitarrennoten findet die die zu spielenden Akkorde in einfachen Griff-Tabulaturen anzeigen, etwa so:

Wenn man etwas tiefer gräbt, findet man auch recht akribische Abschriften einzelner Passagen oder ganzer Gitarrenparts, ebenfalls als einfachen Text formatiert – hier etwa ein Ausschnitt des Solos vom obigen Stück:

Solo: ( 2nd Guitar )

e----------------------------------------------------------|
B----------3---5--------3----------------------------------|
G-----2/4-----------4--------4----2---0--------------------|
D------------------------------------------0---------0---0-|
A-----------------------------------------------1/2--------|
E----------------------------------------------------------|

e----3/5/3-------------------------------------------------|
B----3/5/3----3/5/3----3----3/5/3--------------------------|
G-------------2/4/2----0----2/4/2---2p0----2/4-------------|
D------------------------------------------3/5-------------|
A----------------------------------------------------------|
E----------------------------------------------------------|

e---------------------------------------------------------------------|
B----------3--------5----5b---5----3--------------3-----5-------------|
G----2/4-------4----------------------2----4b----------------4b-----2-|
D---------------------------------------------------------------------|
A---------------------------------------------------------------------|
E---------------------------------------------------------------------|

e---------------------------------------------------------------------|
B---------3---------5-----5b-----5------3-----------------------------|
G----2/4------4-----------------------------2----4b-------------------|
D---------------------------------------------------------------------|
A---------------------------------------------------------------------|
E---------------------------------------------------------------------|

Damit kann man auf einer Gitarre schon sehr konkret was anfangen. So weit, so bekannt. Nun gibt es jedoch eine Seite (sogar mehrere, aber einen Platzhirschen), die dieses Konzept um einige entscheidende Details erweitern:

  • > Einbindung eine Community zur dezentralen Erstellung solcher Tabulaturen. Man kann sich das vorstellen wie eine Wikipedia nur für Musik: tausende Nutzer transkribieren dort Stücke und stellen sie in einem einheitlichen Format ein. Anders als bei der Wikipedia gibt es aber nicht die „eine“ offizielle Fassung, sondern pro Song teilweise dutzende, sich oft nur in Details unterscheidende Varianten, über die man wiederum abstimmen kann so dass man schnell „die beste“ Fassung findet.
  • > Erweiterung der Tabulaturen auf ALLE Instrumente des jeweiligen Stücks (!), also mehrere Gitarrenlinien, Bass, Drums, Keyboard, Gesang, Chorsatz für den Background etc. Zu nahezu jedem bekannteren Stück finden sich dort also die kompletten Informationen für die ganze Band.
  • > Nutzung von zwei sehr erweiterten Notensatz-Formaten, und zwar Guitar Pro oder Power Tab
  • > Angebot eines Downloads, um diese erweiterten Notensätze in ein Desktop Programm, iPhone, iPad oder Android Gerät zu laden und dort in perfekter Notation abzuspielen (!)

Man legt sich also bei http://www.ultimate-guitar.com/ einen kostenlosen Account an und fängt an zu suchen. Zu „wish you were here“ gibt es schon eine Umfangreiche Trefferliste mit 109 Einträgen, 20 davon das Original von Pink Floyd betreffend.

Nun lädt man eine der Guitar Pro Dateien in eine Software der Wahl, etwa das „Original“ Guitar Pro 6:

Und hier fängt die Sache nun an, ernsthaft spannend zu werden, um nicht zu sagen: begeisternd. Wier sehen ein sauber formatiertes Notenblatt, dass sowohl einen klassischen Notensatz als auch die nützliche Tabulatur anzeigt. Die Notation ist erheblich detaillierter, bei Bendings wird etwa angezeigt, um wie viele Halbtöne man ziehen soll. Unten sieht man das komplette, transkribierte Arrangement des Songs, in diesem Fall drei Gitarren, Keyboard, Bass, Gesang und Drums. Man kann nun einfach den Notensatz umstellen auf eines der anderen Instrumente um zu sehen, wie die Stellen gemeinsam gespielt werden. Gefällt einem die Notation nicht, passt man sie einfach an die eigene Spielweise an – dafür gibt es links diverse Werkzeuge. PDF-Druck ist selbstverständlich. Mit der Mediensteuerung in der Mitte wiederum startet man: ein Midi-Modul, dass den Song mit teilweise extrem guten Software-Instrumenten abspielt, so dass man gleich hören kann wie die Passagen klingen sollen. Andere Programme ermöglichen es, ein verlinktes MP3 File so mit der Notation zu synchronisieren, dass man der Originalsong hört während man korrekt die Noten verfolgen kann. Ein auf Adobe Air basierende Alternative (Mac, Windows, Linux)  ist nicht ganz so umfangreich, aber in den Kernfunktionen ähnlich hübsch: Go PlayAlong

Und das alles zum unterwegs mitnehmen, hier etwa in der iPad Variante:

Und ja, der Wahnsinn nimmt kein Ende: in dieser App (Guitar Pro, TabToolkit ist auch prima) bekommt man unten auch noch eine Gitarre oder Klaviatur eingeblendet, die die richtigen Griffpositionen anzeigt. In diesem Fall sogar mit der Hilfe, wo die nächsten Töne sitzen, damit man eine ökonomische Gripposition wählen kann. Es ist nun gar kein Problem, direkt aus den Apps heraus die ultimate-guitar Datenbank zu durchstöbern. 60 Jahre moderner Musikgeschichte, detailliert jederzeit verfügbar.

Das scheint mir alles sehr, sehr weit entfernt zu sein von einem kleinen Dorf im niedersächsischen, in dem A4 Blätter fotokopiert wurden. Und das hat alles das Internet für uns getan, und da sag ich doch einfach mal: DANKE.


Die Oberstufenreform – gemeinsam einsam

Mai. 11th | Von 4 Kommentare

In den letzten Tagen tritt endlich die lange gärende Reform der Oberstufe in das Licht der Öffentlichkeit. Über den didaktischen und pädagogischen Sinn kann man streiten, vor allem aber: ich nicht urteilen. Ob nun die de fakto Abschaffung von Leistungskursen und das Abwählen von unliebsamen Fächern (Physik! Chemie!) uns im Pisa-Ranking helfen wird – man wird sehen.

Was jedoch medial nicht thematisiert wird ist ein soziologischer „Nebeneffekt“: das Beibehalten des starren Klassenverbandes bis zum Abitur. Ich glaube ganz im Ernst, dass dies eine signifikante Verschlechterung für viele junge Menschen bedeuten wird, und argumentiere hier – da kenne ich mich aus – streng biographisch.

Für mich war die Oberstufe ein Segen.

Und das nicht primär wegen der Wahlmöglichkeiten, sondern weil man endlich Gelegenheit hatte andere, spannende Menschen kennenzulernen als die, mit denen man bereits seit vielen Jahren zusammen war. Dass in meiner ursprünglichen Latein-Klasse auf 27 Jungen genau 5 Mädchen kamen hat sicherlich dazu beigetragen, die Ausweitung auf nunmehr 120 Mitschüler (davon 50 weiblich!) als Befreiung zu empfinden.

Ich war kein unbeliebter Schüler in meiner Klasse, für den stellvertretenden Klassensprecher hat es immer gereicht. Aber all meine wirklich guten Freunde habe ich – mit einer Ausnahme – in der Oberstufe in anderen Kursen gefunden. Plötzlich traf man auf andere Freigeister, Anarchisten gar, und schleppte nicht eine gemeinsame Historie von vielen Jahren eingefahrener Kommunikationsmuster mit sich herum. Man konnte sich, zumindest in gewissen Grenzen, als Person neu erfinden, und dies in einem noch überschaubaren Rahmen den die Massenuniversitäten nicht wirklich bieten können.

Man muss sich das bewusst machen: ohne die Öffnung der Klassenverbände hätte ich bis zur Uni mit Sicherheit Monty Python nicht kennen und lieben gelernt, ebenso wenig Helge Schneider oder die coole Indy-Disko im anderen Stadtteil. Ich wäre nicht politisch mobilisiert worden, hätte keine anderen Tech-Geeks getroffen, mich nicht für Kunst interessiert – die Liste ließe sich fortsetzen.

Möglich, dass dies alles an der Universität dann verzögert eingesetzt hätte. Möglich aber auch: dass nicht, oder in ganz anderer Form. Ich glaube fest daran, dass es Menschen gut tut, mit verschiedenen Einflüssen auch in jungem Alter konfrontiert zu werden. Dazu bietet ein Klassenverband zu wenig Möglichkeiten, und nicht jeder ist mit einem regen Vereinsleben oder Kirchengruppen gesegnet. Auch denkbar, dass ich ein Einzelfall oder zumindest ein Minderheitenfall bin. Aber: das mag ich nicht recht glauben, und viele meiner Freunde empfanden die Öffnung der Kurse als ähnliche Befreiung.

All dies soll nun unterbunden werden: die Schüler werden zusammen gepfercht mit den immer gleichen Gesichtern – und dies für acht Jahre. Das ist länger als eine neu geschlossene Durchschnittsehe hält. Möglich, dass es zu besseren Notendurchschnitten führt. Zu besseren, interessanteren Menschen oder einer besseren Gesellschaft wird es nicht führen.


re:publica11 – Moment für die Ewigkeit oder die Sache mit dem a

Apr. 18th | Von 3 Kommentare

Ach es regen sich so Viele über die re:publica11 auf, da schließ ich mich lieber den ratlosen Lesern von Kästner an – wo bleibt das Positive? Denn das gab es zu Genüge, und das sollte man auch entsprechend: feiern. Der für mich magischste Moment trug sich zu in einem sehr kleinen Workshop von Steffen Hoellein über Design. Sein Vortrag war schon allein deshalb ungewöhnlich, weil er eben vor allem Eines tat: Feiern, und zwar die Grundsätze der klassischen Moderne. Er stellte viele Designs vor die er persönlich liebt, und zeichnete plausibel nach warum. Das Ganze in einem kompromisslos subjektiven Stil, gesättigt durch 20 Jahre Designerfahrung. Dieser Mensch lebt Design, auf eine wunderbar verstrahlt-liebevolle Weise.

Eine Sonderrolle kam dabei der Schrift „Helvetica“ aus dem Jahr 1957 zu. Ein hübsches Zitat aus dem gleichnamigen Film zum 50-jährigen: „wenn Ihr keine Designer seid und trotzdem ein Plakat machen müsst – nehme Helvetica bold, sieht immer gut aus“. Steffen zeigte auch den bekannten Vergleich zur schwachen Nachahmung Arial – charakteristisch für Helvetica sind etwa die vielen horizontalen und vertikalenLinien:

Insbesondere das kleine „a“ gilt als Meisterweg der Typographie mit seinen vielen Positiv-/Negativformen – Nichts muss hinzugefügt werden, Nichts kann entfallen.

http://inspireme.lasoeurkaramazov.net/post/2008/10/17/Helvetica-Medium-lower-case-a

Steffen zeigte nun also eine ganze Reihe an Designs und Plakaten, die prominent Helvetica einsetzen. Die letzte davon: das Filmplakat von 2001: a Space Odyssey:

und hier, 2001, natürlich auch Helvetica.

Direkt, aus der zweiten Reihen, in höflichem aber bestimmten Tonfall:

…das ist nicht Helvetica.

Stille. Ungläubiges Staunen im Raum, alle Augen wandern über das Plakat. Dann Steffen, zwischen Irritation und Bewunderung oszillierend:

ey richtig, wie hastn du das so schnell gesehen?

na an dem a!

Tosender Beifall vom Plenum, am lautesten von Steffen selbst. In diesem Moment ist völlig klar, dass es eben keine Schadenfreude ist, sondern wir im Plenum einem ganz persönlichen Moment beiwohnen: der Vortrag hat das Plenum wirklich mitgenommen, und das Gelernte wurde sogleich angewandt. Viele der Teilnehmer hatten nach dem Vortrag ein etwas entrücktes Lächeln aufgesetzt – man glaubte wieder etwas zuversichtlicher an das Gute und Schöne.

Und es gab noch einige andere Panels, die für mich solch besondere Momente erzeugen konnten – zumeist jedoch sehr schwach besucht und abseits der großen Ströme. Die Schrift auf dem 2001 Plakat ist übrigens Futura – Kommentar von Steffen: „is auch Klasse!